Ein Mensch, der seinen Blick ausschließlich in die Vergangenheit
richtet, ist entweder schon sehr alt oder ein Künstler. Marcel van
Eeden ist Jahrgang 1965 und fällt damit in keiner Weise unter die
erste Rubrik. Er ist Künstler, der als alleiniges Ausdrucksmittel
die Schwarz-Weiß- Zeichnung gewählt hat, die er allerdings sehr
bildmäßig mit allen Nuancen an Graustufen anlegt. Mit energischem,
kräftigem Strich entwirft er Menschen, Dinge, Pflanzen, kleine
intime Szenen und große öffentliche Plätze. Die Art der Darstellung
erinnert häufig an Filmszenen oder Fotografien. Und tatsächlich
zeichnet van Eeden nicht aus seiner Phantasie, sondern hält sich
streng an seine fotografischen Vorlagen, die aus Zeitungen oder
Zeitschriften stammen, aber ebenso auch privater Natur sein können.
Einzige Voraussetzung für ihren Einsatz im zeichnerischen Werk von
Eeden, ist, dass sie vor 1965 entstanden sein müssen.
In seiner Kunst gibt es nur den Blick zurück in die Zeit vor
seiner Geburt. Den Anfang machten Fotografien seiner Wohn- und
Geburtsstadt Den Haag, als wollte er sich seiner Zugehörigkeit zu
diesem Ort für immer und ganz besonders für die Zeit vor seiner
körperlichen Anwesenheit versichern. Was als eine besondere Form der
Aneignung der direkten Umgebung begonnen hat, dehnt sich immer
weiter aus und entwickelt sich zu einem Bild der Welt in der Vor-
van-Eeden-Zeit. Da es sich dabei ausschließlich um ein durch
fotografische Übermittlung existierendes Bild handelt, geht es nicht
um Dokumentation, sondern um eine Interpretation des Zeitgeschehens,
das aber nicht nach den üblichen Kriterien von Wichtigkeit und
Bedeutung aufgearbeitet wird.
Van Eeden lässt sich von seinen Funden und damit vom Zufall
bestimmen. Indem er die Fotografien nicht einfach nur sammelt,
sondern abzeichnet, greift er selbst noch einmal in das
Weltgeschehen von früher ein und interpretiert es, allerdings nicht
mit Worten und Begriffen, sondern intuitiv unter der Führung seiner
Hand. Sein Geburtsjahr gilt ihm zwar als Zäsur, der Zeitraum davor
aber wird nicht begrenzt – so wird ihm der Stoff für seine
Welt-Bild-Geschichte wohl nicht so schnell ausgehen.
(Galerie Michael Zink, Theresienstraße 122a, Rgb., bis 22.
Dezember. Gleichzeitig ist im Videoraum im Tiefgeschoss „Message To
My Best Friend“ des britischen Künstlers Alan Curral zu sehen.)
HANNE WESKOTT